Werkschau Carl Grossberg

Werkschau Carl Grossberg
Wuppertal, 23. Juni 2026

Carl Grossberg, Papiermaschine, 1934

In dem von mir geschätzten Von der Heydt-Museums, Wuppertal, ist noch bis Ende August eine umfangreiche Werkschau eines der herausragenden Maler der Neuen Sachlichkeit zu sehen: Carl Grossberg (1894–1940).

Sein umfangreiches Werk, das in einem Zeitraum von nur knapp 20 Jahren entstand, widmet sich fast ausschließlich den Themen Architektur und Industrie.

Mit seiner formalen Klarheit und Strenge ist es Ausdruck eines neuen, fotografischen Sehens und spiegelt den technischen Fortschritt im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts wider. Dabei regen die reduzierten Kompositionen dazu an, den industriellen Fortschritt und seine Wirkungen auf den Menschen kritisch zu hinterfragen.

Die erste große Retrospektive seit bald 30 Jahren betrachtet Grossberg’s Schaffen umfassend neu und präsentiert eine Reihe von bisher selten gezeigten Arbeiten. Dabei wird deutlich, wie aktuell Grossbergs Werke sind, in künstlerischer und in gesellschaftlicher Hinsicht. Insbesondere die vieldeutig lesbaren „Traumbilder“, einzigartig in der Kunst der 1920er und 1930er Jahre, weisen ihn als hochsensiblen Intellektuellen aus.

Werkschau Carl Grossberg

Selbstportait des Malers, 1926

Grossbergs Kunst beschwört die Magie der Dinge, macht die Komplexität der modernen Welt und ihre inneren Widersprüche sichtbar. Parallelen zu heute ergeben sich aus dem aktuell stattfindenden Strukturwandel mit noch unabsehbaren gesellschaftlichen Folgen, für den überzeugende visuelle Formen gerade ausgehandelt werden.

Carl Grossberg war einer der ersten Meisterschüler des Bauhauses. Seine Motivwahl und die Nüchternheit seiner Malerei sind untrennbar verbunden mit der gleichzeitig entstandenen Fotografie. Und sie haben ihrerseits wegweisende Fotograf*innen nachfolgender Generationen inspiriert: von August Sander über Bernd und Hilla Becher bis hin zu Thomas Ruff.

Das Von der Heydt-Museum realisiert die Ausstellung in Kooperation mit dem Museum im Kulturspeicher Würzburg (MiK). Beide Museen sind eng mit der Biografie des Künstlers verbunden: Er wurde in Elberfeld geboren, das heute zu Wuppertal gehört, und lebte ab 1921 in Sommerhausen, südlich von Würzburg. Dementsprechend ist er in den Sammlungen beider Häuser vertreten.

Obwohl ich mir gar nicht so viel von der Ausstellung versprochen hatte, war ich hinterher sehr angetan von Grossberg’s Werk. Sicher haben dazu auch die umfangreichen Bilderklärungen beigetragen, die man sich mühelos am Smartphone anhören kann. Eine Art ganz individueller Führung durch die Ausstellung. Sehr gut gemacht.

( Michael Tischer )

Jeck für Deutschland

Jeck für Deutschland
Essen, 22. Juni 2026

Jetzt zur Fußball-WM ein Flaggenmeer: Die Rullichstraße in Essen Altendorf

Bei meiner Streetart-Tour durch Essen sind mir immer wieder Häuser aufgefallen, die jetzt zur Fußball-WM in den USA komplett mit Deutschland-Fahnen geschmückt sind. Ich vermute, das soll unserer Nationalmannschaft Glück bringen, damit sie nach zwei vergeblichen Anläufen endlich wieder die Vorrunde übersteht – mindestens.

Noch jecker wird es in der Rullichstraße in Essen-Altendorf, die sich auf einer Länge von knapp 200 Metern in ein schwarz-rot-goldenes Fahnenmeer verwandelt hat. Vor allem Deutschland-Fahnen hängen dort, aber auch einige Fahnen der Gastgeberländer und der FIFA.

Das Ganze ist das Werk von Achim Klimmeck (70), mittlerweile überregional als „Flaggen-Achim“ bekannt. Er lebt dafür, mit den Leuten den Fußball zu feiern – und die gesamte Nachbarschaft zieht mit. Gerade bei der WM in den USA ist ihm das besonders wichtig: „Wer soll bei den Preisen dahin als Fan? Sind doch nur Reiche dort. Hier kann jeder seine Leidenschaft ausleben. Wir feiern die Weltmeisterschaft für den kleinen Mann.“

Vor 20 Jahren fing alles an – mit drei Fahnen. Heute hat er nach eigener Aussage fast viertausend Fahnen und Girlanden in Essen aufgehängt, denn auch viele Fahnen außerhalb seiner Rullichstraße stammen von ihm. Er sieht darin seine Bestimmung. „Ich mache das hier so lange, bis ich von der Leiter falle.“ Kann man eigentlich nur hoffen, dass unser Team so viel Treue und Hingabe mit tollen Erfolgen belohnt.

( Michael Tischer )

Streetart-Tour Essen, Teil I

Streetart-Tour Essen, Teil I
Essen, 21. Juni 2026

Rückseite des Schauspielhauses

Wenn es für’s Wandern fast schon zu heiß ist, wird’s auf dem Motorrad oft richtig angenehm, sofern man luftig gekleidet ist. Perfektes Wetter, um sich bei mittleren Geschwindigkeiten vom Fahrtwind ein wenig abkühlen zu lassen – heute auf einer StreetArt-Tour durch Essen.

Ich hatte mir 48 sehenswerte Murals und Graffiti herausgesucht, viel zu viele, um sie in einer so großen Stadt wie Essen an einem Tag abzugrasen. Schnell stellte sich heraus: Essen ist ein gutes Pflaster für Kunst im öffentlichen Raum, u.a. weil es so viele Kilometer an Schallschutzwänden hat, die die Bewohner vor dem Lärm der zwei Stadtautobahnen A40 und A52 schützen sollen. Aber auch, weil es immer noch viel verlassene Industriearchitektur gibt, die sich hervorragend als Malfläche eignet.

Und dann scheinen die Menschen dort auch durchaus offen für Kunst am Bau zu sein. Immer wieder sind mir Wohnbauten begegnet, die komplett von StreetArt-Künstlern bemalt waren. Hier meine Ausbeute von vier Stunden kreuz und quer durch die Stadt.

( Michael Tischer )

Die Macht des Röntgenblicks

Die Macht des Röntgenblicks
Völklingen, 20. Juni 2026

Ausstellung vor dem Hintergrund der riesigen Völklinger Gebläsehalle, die hier wie eine Industriekathedrale inszeniert ist

Röntgenstrahlen durchdringen unsere Moderne auf ganz besondere Art und Weise: Durch sie erfahren wir Medizin, Politik, Geschichte, Kunst und Natur, ja selbst Geschlechterrollen neu. Wir blicken buchstäblich auf sonst verborgene Tiefenschichten unser selbst und unserer Umwelt – von den Molekülen unserer Körper bis hin zu den entferntesten Galaxien des Weltraums.

Die Macht des RöntgenblicksDie gegenwärtige Ausstellung „X-Ray – Die Macht des Röntgenblicks“ in der riesigen Gebläsehalle der Völklinger Hütte widmet sich in 18 Kapiteln umfassend dem Phänomen der Röntgenstrahlen und den zahlreichen kulturellen und künstlerischen Aspekten des Röntgenblicks.

Die Schau blickt vom ersten Röntgenbild über historische Röntgengeräte der Medizin und Naturwissenschaften bis hin zum aktuellsten Röntgen-Satelliten der Weltraumforschung. Dabei werden insbesondere die kreativen Wechselwirkungen des Röntgenblicks in Kunst und Kulturgeschichte, Politik, Natur, Literatur und Architektur, Musik, Mode und Kino bildgewaltig in Szene gesetzt.

Ausgangspunkt des Erlebnisparcours ist der nachgestellte Versuchsaufbau, mit dem Wilhelm Conrad Röntgen vor 130 Jahren die neue, unbekannten Strahlung aufspürte, die er X-Strahlen taufte. Innerhalb weniger Wochen verbreitete sich die Nachricht von der bahnbrechenden Entdeckung wie ein Lauffeuer um den Erdball. Sie inspirierte nicht nur Wissenschaftler:innen, sondern auch bildende Künstler, Musiker, Filmemacher und Karikaturisten.

In der Ausstellung entfaltet sich ein vielfältiges Panorama der Moderne und der Gegenwart: Marie Curie trifft auf Claude Cahun, Frida Kahlo, Isa Genzken und Iris van Herpen; John Heartfield auf Edvard Munch, Mies van der Rohe, Thomas Mann und William Wegman.

X-RAY macht das Unsichtbare sichtbar und Kunst und Wissenschaft zum Erlebnis. Es ist alles ein wenig mehr Show, als im Deutschen Röntgen-Museum in der Röntgen-Heimatstadt Lennep (Bergisches Land), das ich vor wenigen Wochen besucht habe. Aber sehr unterhaltsam und mit viel Liebe zum Detail inszeniert. Ich glaube, jetzt habe auch ich voll den (Röntgen-) Durchblick. Schön wär’s auf jeden Fall.

( Michael Tischer )

Industriedenkmal Völklinger Hütte

Industriedenkmal Völklinger Hütte
Völklingen, 19. Juni 2026

Foto aus dem Eingangsbereich des Besucherzentrums mit dem Aufzug, der Möllerhalle und der Hochofengruppe

Von der Gebläsehalle bis zum Paradies: Man kann die Urban Art-Biennale nicht besuchen, ohne in das Labyrinth von Gängen, Hallen und den gigantischen Anlagen der Völklinger Hütte einzutauchen.

Das 1873 gegründete Eisenwerk wurde 1986 stillgelegt. In den mehr als einhundert Jahren seines Bestehens wurden dort 40 Millionen Tonnen Roheisen und 34 Millionen Tonnen Rohstahl produziert.

Bedeutende Innovationen der Stahl- und Eisenproduktion wurden in Völklingen gemacht und setzten sich von dort aus weltweit durch: etwa die 1911 eingeführte Trockengasreinigung.

Mit ihr konnte das extrem heiße Gichtgas aus dem Hochofen gereinigt und anschließend für den Antrieb der Gasgebläsemaschinen und zum Vorheizen der Koksbatterien genutzt werden.

Seit 1994 gehört das rund 10 Hektar große Gelände zum UNESCO-Weltkulturerbe. Folgt man vom Besucherzentrum der vorgeschlagenen Route durch die zahllosen Anlagen, ist man mindestens zweieinhalb Stunden beschäftigt und klettert dabei bis zu 45 Metern hinauf. Der Mensch wird dabei ganz klein im Vergleich zu den Schloten, Hochöfen und riesigen Maschinen, von denen die Eisen- und Stahlproduktion angetrieben wurde.

1965, auf dem Höhepunkt der Produktion, arbeiteten hier bis zu 17.000 Menschen. Heute erzielen moderne Stahlwerke mit einem Zehntel an Beschäftigten weit mehr als das Zehnfache der früheren Jahresproduktion auf der Völklinger Hütte – ein Zuwachs um den Faktor einhundert.

Seit den 2000er Jahren empfängt die Hütte jährlich mehr als 100.000 Besucher und beeindruckt als menschengemachtes Relikt des Industriezeitalters. Auch ich bin bei meinen Besuchen regelmäßig beeindruckt von der Größe der Anlage und wie sich die Natur das riesige Areal Schritt für Schritt zurückerobert. Nur mit viel Aufwand kann das an den für Besucher interessanten Maschinen und Anlagen verhindert werden. Werden und Vergehen alles Menschengemachtem, das wird hier physisch erlebbar.  

( Michael Tischer )

Alles Fake, millionenfach

Alles Fake, millionenfach
18. Juni 2026

So viel Betrug wie heutzutage im Internet gab es nie

So ein Mist, jetzt bin auch ich zum ersten Mal hereingefallen. Millionen Phishing-Mails landen täglich in deutschen Postfächern. E-Mail-Nachrichten, die fälschlicherweise vorgeben, sie stammen von der eigenen Bank, von einem Paketdienstleister oder vom ADAC. Und die alle nur eines wollen, dass man einen Link in der E-Mail anklickt, dadurch auf original aussehende, aber nachgemachte Webseiten gelangt und dort seine Kunden- oder Kontodaten eingibt. Damit die Kriminellen mit diesen Daten Böses anstellen können, im allerschlimmsten Fall das eigene Konto plündern.

So erging es mir heute mit einer vorgeblichen Mail meiner Online-Bank, dem größten Neo-Broker Deutschlands. Noch während ich auf der Fake-Webseite meine PIN und meine Handynummer eingab, bekam ich ein mulmiges Gefühl, blickte auf die URL im Browser, erkannte den Fake und brach den Vorgang ab.

Doch da hatten die Verbrecher schon meine PIN und die zugehörige Telefonnummer eingesammelt. War ich natürlich ganz schön elektrisiert und auch verärgert über mich selbst. Wo ich doch solche Phishing-Mails sonst zehnmal am Tag routiniert erkenne und sofort lösche. Aber mindestens genauso unangenehm wurde es im Anschluss, als ich sofort die Hotline meiner Bank anrief.

Nachdem ich mein Anliegen erklärt hatte, wollte man mich zur Betrugsabteilung weiterleiten. Ich wartete zehn Minuten in der Leitung, doch nichts geschah. Na gut, das Ganze nochmal – wieder alles erklären, aber erneut vergebliches Warten auf die Betrugsabteilung. Und nochmal. Und nochmal. Nach vierzig Minuten habe ich entfernt aufgegeben. Das darf doch nicht wahr sein! Wenn man sie mal wirklich braucht, lassen sie einen hängen.

Doch dann kam es noch doller. Eine Berliner Nummer rief mich zurück. Ein freundlicher Herr, angeblich von der Bank, der mich fragte, ob ich gerade hereingefallen sei und mich nun durch die App auf dem Smartphone lotsen wollte. Aber wohin? Das alles kam mir auch schon komisch vor und noch krasser wurde es, als die Smartphone App der Bank in fetter roter Schrift anzeigte: Sie werden gerade nicht von uns angerufen. Oh, Gott, so professionell sind die Betrüger mittlerweile geworden, betreiben Call-Center und können Rufnummern fälschen. Habe ich natürlich sofort aufgelegt.

Das Ende vom Lied: Ich habe meine PIN in der Smartphone-App der Bank selbständig geändert, sodass die Betrüger auf keinen Fall auf mein Konto Zugriff erhalten. War auch noch nicht zu spät, aber ich bin jetzt natürlich achtsam, ob etwas Unerwartetes mit meinem Konto geschieht. Und ganz schön erbost über die schlechte Performance meiner Bank in dieser hochnotpeinlichen Krisensituation. Vielleicht sollte ich einfach das Konto kündigen und mein Geld auf ein anderes Bankinstitut transferieren. Dann ist wenigstens garantiert, dass die Betrüger garantiert keinen Schaden mit den erbeuteten Daten mehr anstellen können.

( Michael Tischer )