Die Macht des Röntgenblicks

Die Macht des Röntgenblicks
Völklingen, 20. Juni 2026

Ausstellung vor dem Hintergrund der riesigen Völklinger Gebläsehalle, die hier wie eine Industriekathedrale inszeniert ist

Röntgenstrahlen durchdringen unsere Moderne auf ganz besondere Art und Weise: Durch sie erfahren wir Medizin, Politik, Geschichte, Kunst und Natur, ja selbst Geschlechterrollen neu. Wir blicken buchstäblich auf sonst verborgene Tiefenschichten unser selbst und unserer Umwelt – von den Molekülen unserer Körper bis hin zu den entferntesten Galaxien des Weltraums.

Die Macht des RöntgenblicksDie gegenwärtige Ausstellung „X-Ray – Die Macht des Röntgenblicks“ in der riesigen Gebläsehalle der Völklinger Hütte widmet sich in 18 Kapiteln umfassend dem Phänomen der Röntgenstrahlen und den zahlreichen kulturellen und künstlerischen Aspekten des Röntgenblicks.

Die Schau blickt vom ersten Röntgenbild über historische Röntgengeräte der Medizin und Naturwissenschaften bis hin zum aktuellsten Röntgen-Satelliten der Weltraumforschung. Dabei werden insbesondere die kreativen Wechselwirkungen des Röntgenblicks in Kunst und Kulturgeschichte, Politik, Natur, Literatur und Architektur, Musik, Mode und Kino bildgewaltig in Szene gesetzt.

Ausgangspunkt des Erlebnisparcours ist der nachgestellte Versuchsaufbau, mit dem Wilhelm Conrad Röntgen vor 130 Jahren die neue, unbekannten Strahlung aufspürte, die er X-Strahlen taufte. Innerhalb weniger Wochen verbreitete sich die Nachricht von der bahnbrechenden Entdeckung wie ein Lauffeuer um den Erdball. Sie inspirierte nicht nur Wissenschaftler:innen, sondern auch bildende Künstler, Musiker, Filmemacher und Karikaturisten.

In der Ausstellung entfaltet sich ein vielfältiges Panorama der Moderne und der Gegenwart: Marie Curie trifft auf Claude Cahun, Frida Kahlo, Isa Genzken und Iris van Herpen; John Heartfield auf Edvard Munch, Mies van der Rohe, Thomas Mann und William Wegman.

X-RAY macht das Unsichtbare sichtbar und Kunst und Wissenschaft zum Erlebnis. Es ist alles ein wenig mehr Show, als im Deutschen Röntgen-Museum in der Röntgen-Heimatstadt Lennep (Bergisches Land), das ich vor wenigen Wochen besucht habe. Aber sehr unterhaltsam und mit viel Liebe zum Detail inszeniert. Ich glaube, jetzt habe auch ich voll den (Röntgen-) Durchblick. Schön wär’s auf jeden Fall.

( Michael Tischer )

Industriedenkmal Völklinger Hütte

Industriedenkmal Völklinger Hütte
Völklingen, 19. Juni 2026

Foto aus dem Eingangsbereich des Besucherzentrums mit dem Aufzug, der Möllerhalle und der Hochofengruppe

Von der Gebläsehalle bis zum Paradies: Man kann die Urban Art-Biennale nicht besuchen, ohne in das Labyrinth von Gängen, Hallen und den gigantischen Anlagen der Völklinger Hütte einzutauchen.

Das 1873 gegründete Eisenwerk wurde 1986 stillgelegt. In den mehr als einhundert Jahren seines Bestehens wurden dort 40 Millionen Tonnen Roheisen und 34 Millionen Tonnen Rohstahl produziert.

Bedeutende Innovationen der Stahl- und Eisenproduktion wurden in Völklingen gemacht und setzten sich von dort aus weltweit durch: etwa die 1911 eingeführte Trockengasreinigung.

Mit ihr konnte das extrem heiße Gichtgas aus dem Hochofen gereinigt und anschließend für den Antrieb der Gasgebläsemaschinen und zum Vorheizen der Koksbatterien genutzt werden.

Seit 1994 gehört das rund 10 Hektar große Gelände zum UNESCO-Weltkulturerbe. Folgt man vom Besucherzentrum der vorgeschlagenen Route durch die zahllosen Anlagen, ist man mindestens zweieinhalb Stunden beschäftigt und klettert dabei bis zu 45 Metern hinauf. Der Mensch wird dabei ganz klein im Vergleich zu den Schloten, Hochöfen und riesigen Maschinen, von denen die Eisen- und Stahlproduktion angetrieben wurde.

1965, auf dem Höhepunkt der Produktion, arbeiteten hier bis zu 17.000 Menschen. Heute erzielen moderne Stahlwerke mit einem Zehntel an Beschäftigten weit mehr als das Zehnfache der früheren Jahresproduktion auf der Völklinger Hütte – ein Zuwachs um den Faktor einhundert.

Seit den 2000er Jahren empfängt die Hütte jährlich mehr als 100.000 Besucher und beeindruckt als menschengemachtes Relikt des Industriezeitalters. Auch ich bin bei meinen Besuchen regelmäßig beeindruckt von der Größe der Anlage und wie sich die Natur das riesige Areal Schritt für Schritt zurückerobert. Nur mit viel Aufwand kann das an den für Besucher interessanten Maschinen und Anlagen verhindert werden. Werden und Vergehen alles Menschengemachtem, das wird hier physisch erlebbar.  

( Michael Tischer )

Alles Fake, millionenfach

Alles Fake, millionenfach
18. Juni 2026

So viel Betrug wie heutzutage im Internet gab es nie

So ein Mist, jetzt bin auch ich zum ersten Mal hereingefallen. Millionen Phishing-Mails landen täglich in deutschen Postfächern. E-Mail-Nachrichten, die fälschlicherweise vorgeben, sie stammen von der eigenen Bank, von einem Paketdienstleister oder vom ADAC. Und die alle nur eines wollen, dass man einen Link in der E-Mail anklickt, dadurch auf original aussehende, aber nachgemachte Webseiten gelangt und dort seine Kunden- oder Kontodaten eingibt. Damit die Kriminellen mit diesen Daten Böses anstellen können, im allerschlimmsten Fall das eigene Konto plündern.

So erging es mir heute mit einer vorgeblichen Mail meiner Online-Bank, dem größten Neo-Broker Deutschlands. Noch während ich auf der Fake-Webseite meine PIN und meine Handynummer eingab, bekam ich ein mulmiges Gefühl, blickte auf die URL im Browser, erkannte den Fake und brach den Vorgang ab.

Doch da hatten die Verbrecher schon meine PIN und die zugehörige Telefonnummer eingesammelt. War ich natürlich ganz schön elektrisiert und auch verärgert über mich selbst. Wo ich doch solche Phishing-Mails sonst zehnmal am Tag routiniert erkenne und sofort lösche. Aber mindestens genauso unangenehm wurde es im Anschluss, als ich sofort die Hotline meiner Bank anrief.

Nachdem ich mein Anliegen erklärt hatte, wollte man mich zur Betrugsabteilung weiterleiten. Ich wartete zehn Minuten in der Leitung, doch nichts geschah. Na gut, das Ganze nochmal – wieder alles erklären, aber erneut vergebliches Warten auf die Betrugsabteilung. Und nochmal. Und nochmal. Nach vierzig Minuten habe ich entfernt aufgegeben. Das darf doch nicht wahr sein! Wenn man sie mal wirklich braucht, lassen sie einen hängen.

Doch dann kam es noch doller. Eine Berliner Nummer rief mich zurück. Ein freundlicher Herr, angeblich von der Bank, der mich fragte, ob ich gerade hereingefallen sei und mich nun durch die App auf dem Smartphone lotsen wollte. Aber wohin? Das alles kam mir auch schon komisch vor und noch krasser wurde es, als die Smartphone App der Bank in fetter roter Schrift anzeigte: Sie werden gerade nicht von uns angerufen. Oh, Gott, so professionell sind die Betrüger mittlerweile geworden, betreiben Call-Center und können Rufnummern fälschen. Habe ich natürlich sofort aufgelegt.

Das Ende vom Lied: Ich habe meine PIN in der Smartphone-App der Bank selbständig geändert, sodass die Betrüger auf keinen Fall auf mein Konto Zugriff erhalten. War auch noch nicht zu spät, aber ich bin jetzt natürlich achtsam, ob etwas Unerwartetes mit meinem Konto geschieht. Und ganz schön erbost über die schlechte Performance meiner Bank in dieser hochnotpeinlichen Krisensituation. Vielleicht sollte ich einfach das Konto kündigen und mein Geld auf ein anderes Bankinstitut transferieren. Dann ist wenigstens garantiert, dass die Betrüger garantiert keinen Schaden mit den erbeuteten Daten mehr anstellen können.

( Michael Tischer )

Urban Art Biennale 2026

Urban Art Biennale 2026
Völklingen, 17. Juni 2026

Vortex-x, Transit der Erinnerung

Es ist wieder soweit: Alle zwei Jahre findet in der stillgelegten Völklinger Stahlhütte vor dem Hintergrund gewaltiger Industriearchitektur und verfallender Schlote die Urban Art Biennale mit Street Art, Graffiti und Urban Art statt. Es ist weltweit eine der größten Werkschauen dieser anarchischen Kunstform jenseits der herkömmlichen White Cube-Ästhetik von Museen. Bei den letzten zwei Ausgaben war ich dabei, und auch diesmal habe ich den weiten Weg ins Saarland nicht gescheut. Es hat sich gelohnt.

Kurator Frank Krämer ist es erneut gelungen, Szenegrößen aus aller Welt nach Völklingen zu holen. Nachdem die beiden letzten Biennalen weit in den Völklinger Stadtraum ausgegriffen haben, liegt der Fokus 2026 räumlich und inhaltlich wieder stärker auf der Völklinger Hütte.

Mehr Arbeiten als je zuvor sind in situ speziell für und an ihren Orten in der Hütte entstanden. Zahlreiche Künstler:innen treten mit ihren Werken in direkten Dialog mit der Architektur und der Geschichte des ehemaligen Eisenwerks.

Dabei treffen raue Charme der Möllerhalle oder der Sinteranlage auf filigrane Stoffe und raumgreifende Installationen. NeSpoon spannt zwischen Sinteranlage und Möllerhalle ein fragiles Spinnennetz aus Häkeldeckchen, der Graffiti-Pionier Boris Tellegen, unter dem Künstlernamen DELTA für seine dreidimensional wirkenden Buchstaben bekannt, überführt seine Räumlichkeit in eine gigantische zweifarbige Holzskulptur. Es gibt wirklich viel zu sehen und zu bestaunen.

Mehr als drei Stunden war ich auf dem Gelände unterwegs und hatte am Ende das Gefühl, vermutlich doch noch nicht alles entdeckt zu haben. Eine wahrhaft bildgewaltige Inszenierung.

( Michael Tischer )

Menschen, die in Museen schlafen

Menschen, die in Museen schlafen
Leverkusen, 16. Juni 2026

Eine Fotoserie von Stefan Draschan

Stefan Draschan (*1979)  ist mir bereits mit seinen ganz hervorragenden Fotoaufnahmen aus der Serie „People Matching Artworks“ aufgefallen. Darin zeigt er Museumsbesucher beim Betrachten von Meisterwerken, wobei deren Kleidung, Gestik oder Frisur auf verblüffende Weise mit den Bildinhalten harmoniert und im Dialog zu stehen scheint. Einige dieser Motive aus einer Ausstellung in Monschau sind auch hier im Blog zu sehen.

Eine weitere Serie von Draschan trägt den Titel „People Sleeping in Museums“, was ja zunächst einen Widerspruch darzustellen scheint. Schließlich könnte man meinen, Menschen besuchen Museen, um hellwach die Aufmerksamkeit auf die ausgestellten Objekte zu richten.

Doch das ist sich nicht immer so: Als Schulklasse, Teil einer Gruppenreise oder anderen erzwungenen Bedingungen ist man mitunter vielleicht gar nicht so interessiert und von den Ereignissen der letzten Nacht oder der letzten Tage einfach erschöpft. Solche Momente hat Draschan in seiner Fotoserie, von der ich jetzt einige Motive im Museum Morsbroich entdeckt habe, meisterhaft eingefangen.

( Michael Tischer )

Wanderung Saarschleife Mettlach

Wanderung Saarschleife Mettlach
Mettlach, 15. Juni 2026

Fruchtbares Land an der Saar

Sie zählt zu den touristischen Highlights des Saarlandes: Die baumbestandene Saarschleife bei Mettlach. Auf einer meiner ersten großen Womo-Touren vor 11 Jahren war ich schon einmal hier. Damals am Erlebniszentrum, von dem aus man die Schleife wunderbar betrachten kann. Das Zentrum wurde in der Zwischenzeit durch einen Baumwipfelpfad erweitert und ist weiterhin ein echter Besuchermagnet.

Doch heute bin ich auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses unterwegs, auf der von der Saar umflossenen Halbinsel mit ihren steil zum Fluss abfallenden Hängen.

Die Talverengung der Saarschleife zwischen Besseringen und Dreisbach rührt daher, dass die aus dem Buntsandstein des Merziger Beckens kommende Saar dort in einen Abschnitt harten Quarzitgesteins eintritt.

Es ist nicht genau geklärt, warum es der Saar in der Vorzeit nicht gelang, den direkten Weg zwischen Besseringen und Mettlach zu wählen. Eine Möglichkeit wäre, dass die Saar bei ihrem Weg Klüften des devonischen Quarzit, also einer Schwächezone, gefolgt ist, und so die Saarschleife entstand.

Meine Wanderung heute startet am Ortsrand von Mettlach, das überregional als Firmensitz des Porzellanherstellers Villeroy und Boch bekannt ist. Vom Ortszentrum steige ich an der großen Kirche St. Lutwinuskirche vorbei über den Friedhof auf den Bergrücken der Halbinsel auf. Mein Ziel ist die Ruine der Burg Montclair, rund 1.500 Meter von der Spitze der Saarschleife entfernt.

Wanderung Saarschleife Mettlach

Brombeerblüte im Wald

Die Burg war im Mittelalter eine der bedeutendsten Befestigungen an der unteren Saar und diente der Kontrolle des Flusses als Verkehrsader. Mit annähernd 900 Metern Länge zählte die im Jahr 1351 geschleifte Vorgängeranlage „Alt-Montclair“ zu den größten Burgen des Hochmittelalters in Deutschland.

Die später entstandene und wesentliche kleinere Neuburg „Neu-Montclair“ ist ebenfalls nur noch als Ruine erhalten, doch die Reste wurden im 19. Jahrhundert konserviert und sind heute begehbar. Von den zwei Türmen hat man einen wunderbaren Blick auf die Saar und die gegenüberliegende Seite mit dem Saarschleifen-Besucherzentrum und dem Baumwipfelpfad.

Hinter der Burg geht es für mich über steile und eng bewachsene Wege inmitten des Hangwalds hinunter an die Saar und über die Staustufe Mettlach zurück in den Ort. Eine wirklich vortreffliche 11 km lange Tour, die mich die Saarschleife jetzt auch einmal von der anderen Seite hat erleben lassen.

( Michael Tischer )