
Deutsche Ausgabe aus dem Dumont-Verlag
Serotonin, ein kontrovers diskutierter Roman von Michel Houellebecq aus dem Jahre 2019 hat mich so fasziniert, dass ich gleich ein zweites Werk des französischen Autors nachgelegt habe. Sein Roman „Unterwerfung“ aus dem Jahr 2015 ist Utopie, Gedankenexperiment und dystopische Satire, die im Jahr 2022 spielt.
Eine fiktive islamische Partei übernimmt darin friedlich die Macht in Frankreich mit Unterstützung etablierter Parteien, die einen sich abzeichnenden Sieg der Rechten in der zweiten Runde der Präsidentschaftswahlen unbedingt verhindern wollen. Daraufhin islamisiert sich das Land unter seinem ersten muslimischen Präsidenten: Frauen verschwinden aus dem öffentlichen Raum, Polygamie wird eingeführt, und das Patriarchat kehrt zurück. Die berühmte Sorbonne wird wie viele andere Hochschulen eine islamische Universität.
Weil der Protagonist, der zynische und einsame Literaturprofessor François, nicht zum Islam konvertieren will, muss er seine Universität verlassen, ausgestattet mit einer prächtigen Pension, die wenig Anlass zu Widerstand gibt.
Der Roman beschreibt, wie der gelangweilte François im Laufe der Zeit den Lockrufen des neuen Systems unterliegt. Nach und nach „unterwirft“ er sich aus Bequemlichkeit und Karrierismus der neuen, islamisch geprägten Gesellschaftsordnung, indem er konvertiert, um seine Karriere an der Universität fortzusetzen.
Der Roman löste aufgrund seiner provokanten Darstellung heftige Debatten über Islamisierung, Identität und Freiheit nicht nur in Frankreich aus. Tatsächlich kritisiert der Roman weniger den Islam, dessen Protagonisten sehr gebildet, kultiviert und moderat daherkommen, als vielmehr die Dekadenz, den Werteverfall und die Sinnsuche in der westlichen Welt. Der Titel bezieht sich auf die wörtliche Bedeutung von Islam, ein Wort, das die Hingabe bzw. Unterwerfung unter den einen Gott beschreibt: Allah.
Im Hinblick auf die Geschicke, Erlebnisse und Gefühlslagen des Protagonisten kommt „Unterwerfung“ nicht ganz so krass daher, wie „Serotonin“, finde ich. Der Roman thematisiert aber denkbare Entwicklungen unserer Zeit. Das macht ihn in meinen Augen spannend und lesenswert.
In Frankreich wurde die Aufmerksamkeit für dieses Werk auch dadurch stark befeuert, dass der Tag der Romanveröffentlichung just mit dem des islamistischen Anschlags auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ zusammenfiel.
In der damals aktuellen Ausgabe des Satiremagazins wurde Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ vom Chefredakteur positiv rezensiert, und eine Karikatur des Schriftstellers war auf dem Titelblatt zu sehen. Das hat Houllebeqs Ruf eines Autors, der die Zeichen der Zeit zu lesen vermag, massiv befördert.





